Interview Stefan Patra

(Auszüge von MedicalSportsNetwork.com)

Elektrische Muskelstimulation, kurz EMS, wird schon seit vielen Jahren in der medizinischen

Rehabilitation als Therapie eingesetzt. Trotzdem ist es ein kontrovers diskutiertes Thema.

MedicalSportsNetwork sprach dazu mit Stefan Patra, Leiter der Sporttherapie und Leistungsdiagnostik im Ambulanzzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, der

u.a. die Spieler des Fußball- Erstligisten Hamburger SV betreut.

 

Herr Stefan Patra, Sie nutzen seit einiger Zeit  ein Gerät, das mit modulierter Mittelfrequenz arbeitet. Damit

unterscheidet es sich von den übrigen Niederfrequenz-Geräten auf dem Markt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

EMS-Training ist ein interessantes Tool, das relativ einfach in der Anwendung ist. Patienten, die sich über langere Zeit nicht bewegen, entwickeln haufig eine Schwellenangst gegenuber sportlicher Betätigung.

Schwitzen und Erschopft sein während und nach korperlicher Betatigung wird als sehr unangenehm empfunden und vermieden.

EMS kann hier eine Alternative sein, dem Patienten die positiven Aspekte von Sport, Bewegung, Belastung oder körperlicher Arbeit erfahrbar zu machen, ohne negative Assoziationen wie Atemnot, Schwitzen, Muskelkater, Seitenstiche, Ermudung, 

Erschopfung oder gar Schmerzen in Kauf nehmen zu mussen.

 

Haben die Patienten keine Angst vor dem Training mit Strom?

Der anfangliche Respekt davor, Strom durch den eigenen Korper zu leiten und unkontrollierten Muskelzuckungen ausgesetzt zu sein, wird sehr schnell innerhalb der ersten 2 – 3 Sitzungen abgebaut. Im weiteren Verlauf wird die Intensitat weiter gesteigert, bis die geeignete Belastung gemäs dem Trainingsziel erreicht ist. Nach ca. 6 Sitzungen a 20 Minuten haben sich die Patienten an diese Art der Muskelbewegung bzw. allgemeine Aktivierung des gesamten durchströmten Gewebes gewöhnt und spüren die ersten Benefits.

 

Von welchen Benefits sprechen Sie da im Einzelnen?

Verschiedene Patienten berichten von Schmerzlinderungen, Abnahme von Taubheitserscheinungen, verbesserter Mobilitat, verlängerter Gehstrecke ohne Ermüdung, weniger Schwierigkeiten beim Treppensteigen, ergiebigeren Schlaf, verbesserter Leistungsfahigkeit, Ausgeglichenheit und Geduld im Job. Heraus sticht aber vor allem, dass die Patienten Stimmungsaufhellungen erfahren. Allein durch die Bewegung der Muskulatur entsteht ein chronisch erhöhter Muskeltonus und dadurch schon eine Veranderung der Haltung. Der Patient hält sich aufrechter. Vielleicht ist das auch ein Grund für eine grundsatzlich positivere Stimmung.

 

Das heißt: Sie heilen mit EMS Depressionen?

Sicher nicht heilen. Wenn ich mich aber in meinem Körper nicht so wohlfühle, ist das sicher mit ein Grund fur eine negative Stimmung. Verbessere ich dies, indem ich dem Körper eine Antwort durch das durchgeführte Training auf hormoneller, metabolischer und vegetativer Ebene entlocke, kann das ein erster Schritt zur Linderung des Krankheitsbildes sein. Das ist nicht

die alleinige Lösung und kann nicht die einzige Therapieform sein. Aber es kann einen idealen Anfang darstellen.

 

 

Der Patient fühlt sich besser, kann sich plötzlich wieder einfacher bewegen. EMS-Training sozusagen als Anschubhilfe?

So konnte man es nennen. Es ist quasi ein Ranführen zu mehr Bewegung. Viele Krankheitsbilder sind durch Inaktivitat entstanden. Ein bewegungsorientiertes Arbeiten mit diesen Personen ist schwierig. Zum Rauchen vor die Tur gehen, das ist kein Problem, aber Bewegungstraining? Da streikt es bei den Meisten schon im Kopf. Der innere Schweinehund ist nicht so leicht zu überwinden. Naturlich sind das Extrembeispiele, aber gerade diesen Leuten fällt es nach einigen EMS Trainingseinheiten viel leichter, ins Bewegungstraining einzusteigen. Ich bin selbst immer wieder überrascht, welch positives Feedback ich von den Patienten erhalte. Plötzlich fallt das Treppensteigen nicht mehr so schwer, plotzlich hat man wieder Spass am Bewegen. Diese positive Einstellung ist Gold wert.

 

Wie sieht die Anwendung im Leistungssport aus?

Angefangen mit Rehatraining, z. B. zum Erhalt von Muskulatur, über Kraftausdauertraining und Muskelaufbautraining bis hin

zum Schnellkrafttraining sind unterschiedliche konditionelle Faktoren trainierbar. Tatsachlich scheint es mit reinem NF-Reizstrom

schwierig, Muskelaufbau training zu realisieren. Schnelligkeitsverbesserungen und Kraftausdauertraining über Nervenstimulation hingegen sind möglich. Mit MET kann auch wahrend eines Mesozylus Hypertrophie erreicht werden, weil hier selektiv auf die Muskulatur eingewirkt wird. So kann man Sportlern einen zusatzlichen Trainingsreiz bieten, um, speziell auf seinen Trainingszyklus bezogen, eine sinnvolle Ergänzung zu bieten. Ob es zu einer verbesserten Koordination kommt, möchte ich bezweifeln, denn das ist ja eher eine Frage der intermuskularen Koordination, also auch von motorischen Programmen im ZNS, die bei einer Bewegung bestimmen, welche Muskeln wann zusammen mit welchen anderen wie stark und in welcher Form (konzentrisch oder exzentrisch) kontrahiert werden. Das kann das EMS von ausen nicht leisten. Aber das muss es ja auch nicht. Es ist immer die Frage, was man erreichen mochte und wo solch eine Anwendung Sinn macht: Wer braucht was und wie kann ich helfen?

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Stefan Patra

// Diplom-Sportwissenschaftler

// Seit 2012 Sport- und Trainings wissenschaftler, Trainings und

Bewegungstherapeut, Leistungs diagnostiker und 

Konditionstrainer im UKE-Athleticum des Ambulanzzentrums

der UKE GmbH, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

// Davor u.a. leitender Sportwissenschaftler im Fachbereich

Sport- und Bewegungsmedizin im Ambulanzzentrum der

UKE GmbH (2010 – 2012) und Kommanditist und leitender

Sportwissenschaftler in der Sport medicum GmbH & Co

KG (2008 – 2010) Network

// Mitglied des HSV-medical Teams

- Kraft - Koordination - Schnelligkeit - Beweglichkeit - Ausdauer -

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